29. Januar 2021

Positive Verhaltensunterstützung: „Why not“?

Zu einer mehrtägigen Inhouse-Fortbildung besuchte Prof. Dr. Georg Theunissen den Tannenhof in Ulm. Er zeigte den Mitarbeitenden des Bereichs „Längerfristig intensiv betreutes Wohnen (LibW)“ Ideen und Methoden auf, mit deren Hilfe die Lebensqualität der Klient*innen verbessert werden kann.

„Schwerwiegend herausfordernde Verhaltensweisen“: Mit diesem Fachterminus werden Menschen belegt, die aufgrund einer geistigen Behinderung oder psychischen Störung sich selbst oder andere gefährden oder mit denen sich eine soziale Interaktion nach den üblichen Regeln sehr schwierig gestaltet. In der Vergangenheit waren solche Verhaltensweisen häufig als unvermeidliche Begleiterscheinungen einer Behinderung oder Erkrankung betrachtet worden. Prof. Georg Theunissen, einer der bekanntesten und führenden Heil- oder Sonderpädagogen im deutschsprachigen Raum, setzt dieser Sichtweise das Konzept der „Positiven Verhaltensunterstützung (PVU)“ entgegen.

Die PVU widmet sich dem Umgang mit Menschen, die sich wegen ihres Verhaltens in intensiv betreuten Unterbringungsformen befinden, zu denen auch das LibW am Tannenhof zählt. Die PVU wurde im engen Austausch zwischen Forschung und Praxis entwickelt, erprobt, erforscht und verfeinert. Prof. Theunissen hat an der Entwicklung des Konzepts, das in der internationalen Fachwelt als „Positive Behavioural Support (PBS)“ bekannt ist, entscheidend mitgewirkt. Inhaltlicher Kern ist die Feststellung, dass sich herausforderndes Verhalten deutlich vermindern lässt, wenn die Lebensqualität der Betroffenen verbessert wird – viel eher als mit reaktiven Methoden, die in erster Linie auf unerwünschtes Verhalten reagieren.

Dazu bedarf es zunächst eines Settings, das vor den Auswirkungen solchen Verhaltens schützt. Zudem setzt die PVU auf ein Umfeld, in dem diese Verhaltensweisen überflüssig werden, da sie ihre Funktion verlieren. Sie wurden in der Regel, davon geht die PVU aus, irgendwann erlernt und können daher durch neue Lernerfahrungen ersetzt werden. Ein Beispiel aus dem Alltag: „Wenn ich laut bin, kommt jemand. Bin ich ruhig, kommt niemand. Also bin ich laut.“ Damit bekommt dieses Verhalten einen funktionalen Sinn. Diese Sichtweise erschließt eine respekt- und würdevollere Perspektive auf die Klient*innen und ihr Verhalten, als es die gebräuchliche Bezeichnung „dysfunktionales Verhalten“ nahelegt.

Es gehe also darum, so Prof. Theunissen, andere Wege zu eröffnen, auf denen Betroffene ihre Bedürfnisse befriedigen können – auch wenn sie autistisch veranlagt oder nicht verbal mitteilungsfähig sind, eine verminderte Impulskontrolle aufweisen oder unter Ängsten leiden. Und in Wohngemeinschaften mit Menschen zusammenleben, die sie sich nicht ausgesucht haben – ebenso wenig wie die Menschen, von denen sie Assistenz erhalten.

Um dennoch die genannten Ziele zu erreichen, schlägt der Experte Bausteine für eine entsprechende Konzeption vor:

  • In den Wohnungen sollten nicht mehr als sechs Personen zusammenwohnen, besser weniger
  • Wahlmöglichkeiten, wo immer es geht: Beim Essen, bei der Kleidung, im Tagesablauf und bei der Auswahl der Beschäftigungsmöglichkeiten
  • Prinzip der persönlichen Assistenz
  • Mitwirkung der Klient*innen bei der häuslichen Selbstversorgung („Empowerment“), der Versorgung der Haustiere, der Pflege der Gartenanlage und damit gleichzeitig das Angebot sinnvoller Beschäftigungsmöglichkeiten
  • Nutzung des Sozialraums für den alltäglichen Bedarf, beim gemeinsamen Einkauf fürs Haus wie auch beim begleiteten Einkauf von Gegenständen des persönlichen Bedarfs

Einige Bausteine sind im Konzept der Habila und des LibW am Tannenhof bereits realisiert, wie eine Wohnumgebung, in der die Bewohner*innen ihren individuellen Lebensstil verwirklichen können. Auf dieser Grundlage kommen dann Ideen für gruppenbezogene und individuelle Interventionen zum Tragen. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Konzept der Stärkenorientierung. Eine Herausforderung, der sich die Mitarbeitenden immer wieder aufs Neue stellen müssen: Positive Aspekte und erfreuliches Verhalten sollen wahrgenommen, benannt und anerkannt werden. Prof. Theunissen brachte in diesem Zusammenhang immer wieder eine in den USA geläufige 3:1-Faustregel ins Spiel. Die Anzahl angenehmer, freundlicher, positiver Kontakte mit einem Klienten soll die Anzahl zurechtweisender Kontakte mindestens um das Dreifache übersteigen. Leitspruch: „Catch them being good“.

Stärkenorientierung, oder neudeutsch „Empowerment“, gilt auch als Maßstab für die Aktivitäten und Mitwirkung der Klient*innen. Eine komplexe Aufgabe lerne sich am leichtesten, wenn die Klient*innen schnelle Erfolge erlebten, betonte Prof. Theunissen. Falls die Mitarbeiter*innen Zweifel hinsichtlich der Erfolgsaussichten hegen, helfe auch hier die hemdsärmelige amerikanische Mentalität weiter, mit der Gegenfrage „Why not?“

Mit einem geeigneten Wohn- und Gruppenkonzept könnten die weitaus meisten Menschen mit herausfordernden Verhaltensweisen erreicht werden, dennoch werde es auch Bedarf an pädagogischer Einzelhilfe geben, sagte er. Dabei geht es vor allem um die Erstellung eines Unterstützungsplans, für den Angehörige, Assistenzleistende, Fachdienste und ehrenamtliche Helfer*innen ein Netzwerk bilden und den gesamten Alltag mit seinen Aufgaben, Anforderungen, Personen, Umgebungsbedingungen und körperlichen Befindlichkeiten in Bezug setzen zu den Bedingungen und Folgen des herausfordernden Verhaltens. Dies erweitert den Blick auf mögliche Ursachen und kann bislang unentdeckte Handlungsoptionen erschließen.

Mit dem anvisierten Neubau für das LibW in Ulm, in dem wesentlich kleinere Wohnungen für jeweils vier Klient*innen vorgesehen sind, würde der Tannenhof einen großen Schritt vorankommen, um die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Anwendung der positiven Verhaltensunterstützung zu schaffen. Doch auch jetzt schon werden zumindest einzelne Elemente dieses Konzepts in der täglichen Praxis am Tannenhof erprobt.

| Klaus Bühler

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