13. August 2019

Gemeinsam tüfteln im BTHG-Labor

Ferdinand Schäffler ist Bereichsmanager Wohnen und Soziale Dienste bei der Habila. Im Interview erläutert er Chancen und Herausforderungen unter den Vorzeichen des Bundesteilhabegesetzes.

Herr Schäffler, Sie sind nun seit etwas mehr als einem halben Jahr verantwortlich für den Geschäftsbereich Wohnen und Soziale Dienste. Welches Thema hat Sie in dieser Zeit am meisten beschäftigt?

Mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung wurde eine internationale Übereinkunft geschaffen, Inklusion als gesellschaftliches Paradigma mittels personenzentrierter Teilhabesysteme voranzubringen. In Deutschland schafft das Bundesteilhabegesetz (BTHG) die leistungs- und ordnungsrechtlichen Voraussetzungen. Es stellt alle Akteure vor neue Herausforderungen. Pauschale Leistungssysteme, die in Bedarfsgruppen unterscheiden, sind ebenso obsolet wie das Fürsorgeprinzip. Der personenzentrierte Ansatz orientiert sich an den Ressourcen, die ein Mensch mitbringt, um seine Teilhabeziele zu erreichen. Lediglich die Lücke zwischen den eigenen Ressourcen und dem angestrebten Ziel soll durch passgenaue Dienstleistungen in einem Bürger-Profi-Mix geschlossen werden.

Wie bereitet sich die Habila darauf vor?

Wir haben ein „BTHG-Labor“ ins Leben gerufen. Der Begriff ist bewusst gewählt, weil wir dort im Dialog und mit einem Mix unterschiedlicher Akteure arbeiten. Leistungsempfänger, Leistungsträger und Leistungserbringer sind ebenso mit im Boot wie Partner aus der Wissenschaft oder fördernden Institutionen. Neu ist dabei, dass Konzepte bereits zum Entstehungszeitpunkt beteiligungsorientiert entwickelt und verbessert werden. Über Workshops und verschiedene Veranstaltungsformate können die Teilnehmer*innen an der Entwicklung mitwirken, und die „Laborergebnisse“ werden fortlaufend kommuniziert.

Können Sie ein Beispiel aus der Arbeit des BTHG-Labors nennen?

Ein Auftrag ist die Entwicklung eines Teilhabemanagement-Prozesses für die Habila GmbH. Er bildet die Grundlage für die Neuorganisation aller Management-, Unterstützungs- und Dienstleistungsprozesse unter den Vorgaben des BTHG. Das Verfahren STEP, also selbstbestimmte Teilhabeplanung, Evaluation und Prozessbegleitung, dient dabei als Instrument. Derzeit wird der STEP-Bogen in einer Feldstudie mit 20 Probanden erprobt und evaluiert. Als Schnittstelle zum BEI_BW – dem Bedarfserhebungsinstrument „im Ländle“ – ermöglicht STEP eine reibungslose Zusammenarbeit bei der Planung, Durchführung und Wirkungsmessung unserer Teilhabeangebote.

Das Motto der Habila ist „Mehr Möglichkeiten schaffen“. Wie interpretieren Sie das für Ihren Aufgabenbereich?

Das BTHG überwindet Grenzen zwischen ambulant und stationär zugunsten einer personenzentrierten Ausrichtung von Teilhabe. Diese besteht künftig aus kleinteiligen, dezentralen, wohnortnahen und kooperativen Dienstleistungsangeboten. Erbracht werden sie im Zusammenspiel verschiedener Akteure in einem Bürger-Profi-Mix. Das Quartier wird dabei zum strategischen Bezugspunkt für die fachliche und kulturelle Weiterentwicklung der Eingliederungshilfe.

Als Tochtergesellschaft des KVJS verstehen wir uns als Teil und Dienstleister der kommunalen Familie. Die quartiersnahe Ausrichtung unserer Angebote unter Berücksichtigung der kommunalen Interessen und Beteiligung der lokalen Akteure ist deshalb Teil unseres Selbstverständnisses. Durch die Stadtteilentwicklung unserer Standorte und die Dezentralisierung unseres Angebotes hat diese Entwicklung bei der Habila bereits vor Jahren eingesetzt. Wir haben auf diesem Weg jede Menge Erfahrungen gesammelt und lernen fortlaufend dazu.

Gibt es ein aktuelles Beispiel dafür?

Teil unseres BTHG-Labors und jüngster Meilenstein ist die Eröffnung unserer ersten Assistenzagentur in Crailsheim. Dabei handelt es sich um einen ambulanten Assistenz- und Pflegedienst, der im Bürger-Profi-Mix Leistungen der persönlichen Assistenz, der Grund- und Behandlungspflege, der Hauswirtschaft und Betreuung wohnortnah erbringt. Mit dem Quartier als Bezugspunkt überwinden wir dabei leistungs- und ordnungsrechtliche Sektorengrenzen.

Ein Alleinstellungsmerkmal ist der Einsatz „Persönlicher Budgets“. Damit gewinnen wir wichtige Erkenntnisse für die Gestaltung der Angebote über Fachleistungsstunden. Nach dem Prinzip „Kooperation vor Eigennutz“ versteht sich die Assistenzagentur als Maklerin für die Zusammenstellung eines individuellen Bürger-Profi-Mixes für Einzelpersonen, Paare oder Wohngemeinschaften. Neben alternativen Wohnformen können wir so Programme entwickeln und umsetzen, die im Zusammenspiel der verschiedenen Akteure auch Gemeinschaft und Identität im Quartier herausbilden und stärken.  

Was sind die größten Herausforderungen, um dem Versprechen „Mehr Möglichkeiten“ auch in Zukunft gerecht zu werden?

Dienstleistungen werden von Personen erbracht. Also muss es auch in Zukunft gelingen, Menschen für einen sozialen Beruf im Bereich der Pflege und Assistenz zu begeistern und Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen sie lange, gesund und glücklich in diesen anspruchsvollen Berufen arbeiten. Eine faire Bezahlung mit tarifvertraglicher Absicherung ist für uns dabei ebenso selbstverständlich wie die Weiterentwicklung unseres betrieblichen Gesundheitsmanagements oder unserer Beratungs-, Fort- und Weiterbildungsangebote.

Das allein wird angesichts des demografischen Wandels aber nicht ausreichen. Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist die Digitalisierung. Sie muss in erster Linie einer besseren Kommunikation dienen und Verwaltungsprozesse vereinfachen, auch um dezentrale Einheiten zu entlasten und zu unterstützen. Neue Kommunikationstechniken wie Videokonferenzsysteme sind dabei ebenso Teil dieser Entwicklung wie die plattformgestützte Weiterentwicklung unseres Qualitäts- und Wissensmanagements.

Welche Auswirkungen haben die skizzierten Veränderungen auf die Unternehmenskultur?

Über unseren Markenprozess haben wir uns intensiv mit unseren Werten auseinandergesetzt, die von allen Mitarbeiter*innen, Klient*innen und Angehörigen auch im BTHG-Zeitalter erleb- und erfahrbar sein müssen. Beteiligung und Begegnung auf Augenhöhe, ein Höchstmaß an Fachlichkeit und Qualität, Respekt und Achtsamkeit im Miteinander, Probierfreude in Verbindung mit einer guten Fehlerkultur sowie bei allem Ernst auch das nötige Quäntchen Humor sind wichtig, damit der Veränderungsprozess gelingen kann. Die zahlreichen Begegnungen im Unternehmen, die von Loyalität und Herzblut für die gemeinsame Sache geprägt sind, bestärken mich in der Überzeugung, dass wir diese Entwicklung hervorragend meistern werden. Umso dankbarer bin ich, dass ich so offen und herzlich im Kreis der Kolleginnen und Kollegen aufgenommen wurde.

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