Mit Ortung zu mehr Teilhabe

Einsatz von Ortungstechnologien und Einführung erforderlicher Prozesse im Hilfesystem von Menschen mit Weg- oder Hinlauftendenz bzw. Desorientierung

Kurzbeschreibung

Gesucht wird ein Instrumentarium zur präzisen GPS-Überwachung. Das System soll die Mitarbeitenden informieren, wenn die Person eine bestimmte Grenze überschreitet oder das Gelände verlässt.

Problem

Die Person hat eine starke Weglauftendenz. Sie verlässt an sehr unruhigen Tagen die Wohnung bzw. das Haus. Sie ist nicht verkehrssicher und auch schlecht orientiert. Es kann passieren, dass die Person in einen Bus steigt und nicht weiß wo sie wieder ausgestiegen ist. An solchen Tagen ist die Person nicht in der Lage Hilfe anzunehmen und aufgrund fehlender adäquater Lautsprache kann sie sich selbst keine Hilfe holen.

Ziel

Ein robustes also wetterbeständiges und sturzsicheres Gerät, das von der Person nicht selbständig aus einer Befestigung gelöst werden kann. Das Gerät braucht keine weiteren Extras wie z.B. einen Notruf auslösen. Es geht lediglich um die Ortungsfunktion. Beim Verlassen des Bereiches bzw. dem Überschreiten einer bestimmten Grenze, soll ein Signal an die Mitarbeitenden gesendet werden. Der Mitarbeitendes soll kontrollieren können, wo sich die Person aufhält. Das Gerät / System soll auch im Keller oder bei dicken Gemäuern funktionieren.

Zweck
  1. Selbständigkeit wird erhalten und gefördert.
  2. Soziale Teilhabe und Privatheit werden erhalten und gefördert
  3. Vermeidung einer geschlossenen Unterbringung.
  4. Schutz der Person bei größtmöglicher Freiheit.
Ressourcen

Die Freitheitsentziehende Maßnahme (FEM) in Form von Ortung ist richterlich beschlossen. Die Mitarbeitenden dürfen so stark in das Privatleben der Person eingreifen.

Nachts ist eine Ortung nicht notwendig.

Bisherige Lösung

Es wurden eine GPS-Uhr (Marin electronic) und Apple-Geräte ausprobiert, welche die Anforderungen aber nicht erfüllen. Daher müssen die Mitarbeitenden die Person regelmäßig kontrollieren, das kann jedoch nicht durchgehend gewährleistet werden.

Hauptkriterien, warum die GPS-Uhr abgelehnt wurde:

  1. Das Bewegungsfenster lässt sich nicht sehr präzise einstellen
  2. Die Akkulaufzeit ist viel zu gering.
  3. Das GPS-Signal konnte nicht überall empfangen werden.
Ergebnis

Auf Basis der recherchierten Lösungen erfolgt ein interaktiver Beteiligungsprozess der fachlichen und ethischen Reflexion mit dem Klienten, seinen Unterstützern, Fachexperten und weiteren Beteiligten.
In dieser Fallstudie nahm der Prozess vom ersten Lösungsvorschlag bis zur Implementierung einer aus Klientensicht geeigneten Lösung etwa 8 Monate in Anspruch und verlief in folgenden Schritten:

  1. Befüllen der oben genannten Punkte und ein projektinterner Rechercheauftrag.
  2. Veranschaulichung des Bedarfs und der örtlichen Situation durch Fotos und Videos, sowie Karten von der Umgebung.
  3. Austausch mit Experten über Lösungsvorschläge. Problematisch war die schlechte Netzabdeckung in ländlicher Region.
  4. Folgende Lösungen wurden vorgeschlagen, getestet und evaluiert:
    1. Ein Tracker, der über das sogenannte LoRa-Netz funktioniert. LoRa ist ein kostenloses Netzwerk, für dessen Nutzung man keine SIM-Karte benötigt. Der Tracker wird über eine App am Smartphone gesteuert und beobachtet. Es können Zonen erstellt werden. Die App schickt Alarmsignale wenn die Person bestimmte Zonen betritt oder verlässt. Die Person wird alle 7-9 Minuten getrackt. Der Tracker besteht aus einem etwa stiftgroßen Gegenstand, der über eine Schlaufe befestigt wird.
      • Ist bei einer Busfahrt aus Expertensicht nur sehr ungenau, da die Zeitabstände dann sehr groß sind. Das zeitgenaue Tracken braucht sehr viel Akku-Laufzeit.
      • Die Ortung ist auf etwa 50m Genauigkeit begrenzt.
      • Die Ortung in einem Gebäude war sehr zeitverzögert.
      • Die Befestigung des Senders an der Person war nicht zufriedenstellend.
      • Der zurückgelegte Weg der Person konnte nicht eindeutig nachvollzogen werden.

Der Tracker hat den Anforderungen nicht entsprochen.

  1. Ein Trackingsystem das im Gegensatz zu herkömmlichen GPS-Geräten auf der Internet-of-Things (IoT) Technologie basiert. Dabei verspricht es eine höhere Energieeffizienz, also lange Akku-Laufzeiten, Betriebssicherheit und es soll innerhalb und außerhalb von Gebäuden gleich gut funktionieren. Bei dem System gibt es verschiedene Sicherheitsstufen, auf die das Umfeld der getrackten Person entsprechend bei Betreten oder Verlassen reagieren kann. Diese Sicherheitsstufen setzen sich dann aus Zonen und Abwesenheitszeiten zusammen. Der Tracker besteht aus einem etwa medaillengroßen Gegenstand, der in Kleidung eingenäht oder in der Tasche mitgetragen werden kann. Das System selbst möchte Personen nicht dauerhaft tracken.
    • Die Ortung am Testort war nicht zufriedenstellend. Die Verbindung war nicht stabil.

Der Tracker hat den Anforderungen nicht entsprochen.

 

  1. Ein Tracker, der über GPS und das Handynetz funktioniert. Sollte GPS ausfallen, ist das Handynetz aktiv. Routen und Positionen können via App genau verfolgt werden. Der Tracker selbst ist sehr robust und wasserdicht. Über den Tracker kann auch ein Notruf an die App abgesetzt werden und so das Umfeld schnell reagieren. Über die App können Zonen festgelegt werden. Das Umfeld wird informiert, wenn die getrackte Person diese verlässt-

Für den Tracker ist eine aktive SIM-Karte nötig. Der Akku des Trackers ist nur in Bewegung aktiv, so kann die Akkulaufzeit verlängert werden.

  • Die Umgebung musste mit einem funktionierenden Wlan ausgestattet werden.
  • Weitere Kosten durch eine laufende SIM-Karte mit mobilen Daten (Abo)
  • Die Befestigung ist nicht ganz befriedigend

Man hat sich für diesen Tracker entschieden.

  1. Nachdem alle Tracker nur mit zusätzlicher Hardware funktionieren, musste diese einmalig angeschafft und auch bei dem Umfeld der Person eingeführt werden. Das letzte Modell läuft mit einer aktiven SIM-Karte. Die ist im Vertags-Abo-Modell die günstigste Variante und entspricht den normalen finanziellen Ausgaben von anderen betreuten oder nicht betreuten Personen.

Es wurden verschieden Befestigungsmöglichkeiten ausgetestet. So konnte die örtliche Näherei etwas speziell anfertigen. Die Ortung funktioniert reibungslos.

 

  1. Fachliche und ethische Reflexion:

Beim Thema Ortung (in Verbindung mit Technik) kollidieren Wunschvorstellungen und Realität. Wir arbeiten mit Menschen, die aus offensichtlichen Gründen einen richterlichen Beschluss zur Überwachung haben. Aber wie weit geht dieses Recht? Muss ich als Begleitperson minutiös nachvollziehen können, wo sich meine betreute Person aufhält? Wann muss ich mir Sorgen machen und wie lang ist es ein normales Bewegungsmuster? Darf ich meiner betreuten Person das Recht überlassen, sich im Haus selbstständig auf verschiedenen Stockwerken zu bewegen? Ist es nicht völlig in Ordnung, lediglich zu wissen, dass sie sich im Haus aufhält? Wenn ich meiner betreuten Person eine Bewegungszone zugestehe, wie lang darf sie diese verlassen?

Fazit:

Bei der Befestigung von einem Tracker geht es oft um das Probieren und das individuelle Anpassen. Die Personen reagieren anders als vermutet und lassen neue Alternativen durchaus zu. Die Alternativen müssen für das Umfeld nicht zwingend logisch sein. (So konnte ein Tracker zum Beispiel in eine Schlüsseltasche eingenäht werden. Der Schlüssel spielt ein große Rolle für die Selbstbestimmung. Ein automatisch mitgetragener Tracker fällt dann nicht mehr ins Gewicht.)

Manche Probleme lassen sich von selbst lösen in dem die ein oder andere Tür doch abschließt.

Die Akkulaufzeit ist mit 3 Tagen ist nicht die Längste, aber bei entsprechender Organisation kann man damit arbeiten.

Inzwischen konnte weitere Personen mit Trackern ausgestattet werden, die früher aus Angst vor Weglaufsituationen und damit selbtsgefährdenden Verhalten nicht bei Spaziergängen oder öffentlichen Veranstaltungen beteiligt werden konnten.